Baltica10 – Drei Tage auf der Kurischen Nehrung

01.08.2026

Unsere Fahrt durch Kurland führt auch heute teilweise über abenteuerliche, unbefestigte Pisten. Hinter Liepaja wird die Straße wieder ordentlich und wir nähern uns der Grenze zu Litauen. Dieselbe ist offensichtlich, denn wir werden angehalten – so wie jedes andere Auto auch – und lassen den Grenzposten einen Blick in den Kofferraum werfen. Aber bitteschön, wir haben nichts zu verbergen.

Wenige Kilometer nach der Grenze liegt das Seebad Palanga, berühmt für seinen feinen Sandstrand und die Seebrücke. Himmel und Menschen! An dem Weg zur Seebrücke reihen sich abwechselnd Fresstempel und Andenkenläden. Schnell weg!

Frohen Mutes rollen wir Klaipeda entgegen, um per Fähre den winzigen Hüpfer hinüber zur Nehrung zu nehmen. Nun ja, das wollen auch viele Andere und so müssen wir anderthalb Stunden warten. Die Überfahrt dauert lediglich fünf Minuten. Wer nicht so lange warten möchte: Entweder sehr zeitig oder sehr spät übersetzen, die Fähren verkehren rund um die Uhr. Nach etwa zwei Kilometern Fahrt Richtung Süden gelangen wir an einen Checkpoint, an dem 50 Euro „Umweltabgabe“ zu berappen sind. Es gießt inzwischen in Strömen. In die Verbesserung des Straßenzustands ist das Geld noch nicht geflossen, das Wasser spritzt nach allen Seiten.

Schließlich gelangen wir an unser Ziel, der Pension Prie Mariu (Am Haff) am nördlichen Rand von Nida. Die beiden Häuser liegen tatsächlich nicht mehr als 50 m vom Haff entfernt. Von unserem Balkon blicken wir auf’s Haff und abends wiegt uns der Wellenschlag in den Schlaf.

02.08.2026

Nach dem einsamen Frühstück (wer frühstückt schon um acht am Sonntag 🙂 brechen wir auf zu unserer Wandertour, die uns zur Parnidis-Düne führen wird. Startpunkt ist das Sommerhaus von Thomas Mann auf dem Schwiegermutterhügel. Die Lage ist atemberaubend, der Ausblick – der „italienische Blick“ – einfach genial. Wie sich bei unserem späteren Besuch des Hauses noch zeigen wird, hat er sein Domizil sehr gemocht.

Wir durchwandern den Dünenwald und gelangen schließlich an den Strand auf der Seeseite. Spektakulär. Wir überblicken nur einen Ausschnitt des um die 50 km langen Strands. Trotz besten Strandwetters sind recht wenige Menschen zu sehen.


Nach einer Strandwanderung von zwei Kilometern nehmen wir eine der letzten Treppen (Russland ist nicht mehr weit) und erklimmen den höchsten Punkt der Parnidis-Düne (55 m ü. NN). Hier hat man eine gigantische Sonnenuhr installiert. Und am Rande des Wegs stemmt sich ein bronzener Herr gegen den Wind – Sartre. Er hatte 1965 die Nehrung besucht.


Die Düne gliedert sich in einen „toten Teil“ – weil nicht mehr wandernd – und einen „lebendigen Teil“, der noch wandert. Ein Pfad führt am Rand des toten Teils entlang und wir bekommen ein Gespür für die gewaltigen Ausmaße. Der Pfad folgt ein Stück der litauischen Grenze und der Wanderführer rät dringend, auf dem Pfad zu bleiben.


Am Rande der Düne laufen wir am Ufer des Haffs bis an den Ortsrand von Nidda. Durch den Wald führt der Weg hinauf auf den Urbo kainas, wo 1953 ein Leuchtturm entstand. Von dessen Plattform bietet sich ein herrlicher Rundblick über Nida und die Nehrung. Übrigens: Wir haben die Tour 1 aus dem Rother Wanderführer Baltikum absolviert.

03.08.2026

Gestern war es Tour Nr. 1, heute folgen wir Tour Nr. 2. Wir starten im kleinen Fischerdorf Pevalka und wandern durch Kiefernwälder hinauf zur Birstvyno Kopa. Unweit der Straße erhebt sich ein Denkmal, einem Totempfahl ähnlich – für den ersten Sammler litauischer Volksmusik Ludwig Rhesa. Er wurde in einem der längst verschütteten Dörfer geboren. Von der „Bergkuppe“ bietet sich bereits ein Blick auf den Negelnschen Berg, auf die Tote Düne.


Wir folgen dem teilweise mitten durch den Wald verlaufenden, hervorragend ausgebauten Radweg bis zum Kassenhäuschen am Fuß der Düne. Zunächst auf einem Bohlenweg, dann durch Sand erklimmen wir den höchsten Punkt der Düne. Die Ausmaße sind gigantisch. Schon vor 400 Jahren begruben die Dünen mehrere Dörfer unter sich.

Durch den Wald geht es zurück nach Pevalka. Gott sei Dank gibt es eine offene Gaststätte und wir können uns stärken.

Unsere „Pensionsmutter“ hat schon bei der Anreise darauf hingewiesen, dass jeden Abend um 20.30 Uhr die „Gresa“ zu einer Sonnenuntergangsfahrt auf dem Haff ablegt. Heute Abend gehen wir an Bord, der Käpt’n verkauft selbst die Tickets, seine Tochter (?) mixt die Drinks. Wir fahren südwärts und können die Parnides-Dünen von der Seeseite betrachten. Urplötzlich steht der Käpt’n vor uns und bittet auf’s Oberdeck, wo er für uns und ein weiteres Paar einige Erläuterungen auf Englisch zu den Dünen und zum Haff gibt. Sehr nett und informativ.

04.08.2026

Heute Kultur und Strand.

Kurz nach zehn Uhr gehören wir zu den ersten Besuchern des Thomas-Mann-Sommerhauses und lernen, dass es nur Dank privater Initiative überhaupt noch steht. Im Inneren finden sich viele Fotos der Familie aus den Jahren 1930 bis 1932 – länger haben sie das Haus nicht besuchen können. Unter den Nazis als „Haus Elchwald“ für Gäste wie Albert Speer genutzt, zu Sowjetzeiten verkommen lassen – es sollte wohl abgerissen werden. Im Inneren darf man also nichts Originales mehr erwarten. Aber allein der Blick aus dem Arbeitszimmer ist einfach unglaublich.

Danach geht’s zum Strand und hinein ins kalte Wasser der Ostsee. Herrlich!


Resümee: Die Kurische Nehrung ist ein Muss für Liebhaber Rügens, Usedoms und von Fischland-Darß-Zingst. Ihr werdet zuweilen denken, ihr seid im Darßer Wald – nur ist alles eine Nummer größer. Die Wanderdünen sind ein unvergleichliches Naturerlebnis.

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