Baltica11 – Vilnius

05.08.2026

Beim Frühstück sind wir die ersten, denn wir wollen so früh wie möglich aufbrechen. An der Fähre herrscht Ruhe, wir rollen sofort auf’s Deck und lernen nebenbei, dass wir die Rückfahrt schon bei der Herfahrt mitbezahlt haben. Rückblickend ist das voll und ganz logisch, denn anders als mit der Fähre kommt kein Auto auf die Insel.

Der frühe Aufbruch hängt mit unserem ersten Tagesziel zusammen: Das Skoda-Autohaus Hokla in Klaipeda. Seit der Fahrt durch Kurland leuchtet die gelbe Abgaskontrollleuchte und das Handbuch signalisiert den Besuch einer Fachwerkstatt. Der Mitarbeiter im Autohaus wird zunehmend zugänglicher, was offenbar mit einer kurzen Konversation mit seinem Chef zu tun hat, der unsere Ankunft registriert hatte. Sie lesen den Fehlerspeicher aus und melden sich. Nahe dem Autohaus liegt ein riesiges Einkaufszentrum – unter anderem mit einer Eishalle – das wir durchstreifen. Beim Kaffee, nach einer reichlichen Stunde, meldet sich die Werkstatt und gibt Entwarnung. Das Problem ist marginal und beeinträchtigt nicht das Fahrverhalten. Uffz! Weiter geht’s Richtung Vilnius auf der einzigen Autobahn der drei baltischen Staaten. Gefühlt alle 20 km eine Baustelle, es zieht sich. Auch in Vilnius wird an allen Ecken und Enden gebaut. Aber in Gegensatz zu Riga finden wir sofort zum „Boutique-Hotel Shakespeare“. Gelegen in einer schmalen Gasse der Altstadt hat es einen großen Vorteil: Kostenlose Stellplätze im Innenhof!

Das Hotelgebäude ist ein altes Palais und verströmt eine gewisse Grandezza. Jedes Zimmer ist einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller gewidmet. Der Weg zum Fahrstuhl führt vorbei an Victor Hugo, Jane Austen, D.H. Lawrence. Unser Zimmer in der zweiten Etage ist G.B. Shaw gewidmet und mit vielen Fotos des Meisters und seiner Familie dekoriert. Die erste Etage beherbergt die riesige Bibliothek und den Gastraum, in dem morgens das Frühstück angeboten wird.

Ein erster Rundgang führt zum Restaurant Mason, etwas abseits der Touristenströme ruhig gelegen. Die Küche zeigt sich französisch inspiriert und es schmeckt hervorragend.

06.08.2026

Wir genießen unser Frühstück in entspannter Atmosphäre. Silke hat uns gestern Abend noch für eine Free-Walking-Tour angemeldet, die halb elf starten soll. Nebenbei sei angemerkt, dass wir bis zu 31 °C haben werden und hohe Luftfeuchtigkeit herrscht … Unser Guide, eine junge, berede Frau mit unaussprechlichen Namen, der auf englisch fire bedeutet, wird unsere aus aller Herren Länder stammende Gruppe (u.a. Kolumbien, Mexiko) kreuz und quer durch die Altstadt lotsen. Bei einem Halt vor der Kasimir-Kirche erfahren wir, dass diese zu Sowjetzeiten ein Atheismus-Museum (!!!) beherbergte und man angeblich das Engelsgesicht über dem Portal als Kinderbild Stalins interpretiert haben wollte. Halleluja!


Wir passieren eine Grenze und landen in der „Künstlerrepublik“ Uzupis. Ein Gebot: Es ist zu lächeln! Fire klärt uns auf: Litauer laufen zumeist mit einem „Minusgesicht“ herum, schauen also ernst bis griesgrämig drein. Das ist uns bereits in der einen oder anderen Gaststätte aufgefallen. Wenn sie ihrerseits angelächelt werden, dann überlegen sie tagelang: Wer war das, kenne ich die/den? Ein introvertiertes Völkchen mit einer bedauerlich hohen Suizidrate.

Nach dieser kurzweiligen, ob der Wärme aber durchaus anstrengenden Tour, überdenken wir bei einem Kaffee die weiteren Tagespläne.

Und so lautet der Beschluss: Wir besuchen die Universität von Vilnius. Sie entstand aus einem 1569/70 gegründeten Jesuitenkolleg, bildet ein Gebäudeensemble mit 13 Innenhöfen. Integriert ist die Johanniskirche, die den zentralen Hof mit dem Hauptgebäude nach einer Seite abschließt. Als wir den Hof betreten wollen, werden wir unfreiwillig Zeuge des letzten Teils eines Staatsbegräbnisses. Die Trauergemeinde löst sich auf und als Erster geht – so vermuten wir – der Ministerpräsident Litauens mit seinen drei Leibwächtern an uns vorbei. In Deutschland kaum vorstellbar.
Der Höhepunkt des Besuchs ist der Blick in den historischen Lesesaal der Universitätsbibliothek – ehemals das Refektorium der Jesuiten.

Gegessen wird heute im „Gabi“, was über einen schattigen, lauschigen Innenhof verfügt. Bei den Temperaturen ist die typisch litauische kalte Rote-Bete-Suppe ein Genuss. Sollte man probieren!

Während einer Siesta im klimatisierten Hotelzimmer findet Silke einen Herrenfriseur in der Altstadt. Okay die Hitze unterstützt das Ansinnen. Also landen wir beim Barbier und der nette Mensch verpasst mir innerhalb einer Viertelstunde einen Haarschnitt vom Allerfeinsten. 🙂

In einer etwas abseits vom Getriebe gelegenen Weinbar findet der Tag seinen Ausklang …

07.08.2026

Bevor die Besucherströme anschwellen, werden wir heute den Burgberg als erstes Ziel ansteuern. Am Berg wird kräftig gewerkelt: Für 15 Millionen Euro wird der bröselnde Fels gesichert und befestigt. Wegen der Bauarbeiten verkehrt die Standseilbahn nicht, und so geht’s per pedes hinauf. Der Aufstieg lohnt sich, denn der Rundblick über die Stadt ist reizvoll. Noch besser ist die Aussicht vom Gediminas-Turm, einen wiedererrichteten Teil der Oberburg.

Danach spazieren wir entlang des Ufers der Neria zur Peter-und-Paul-Kirche, einem barocken Prachtstück. Und begegnen unserem ersten Brautpaar des Tages, es werden noch zehn weitere folgen!
Auf dem Weg zurück in die Altstadt fallen uns am gegenüberliegenden Ufer Neubauten in Bestlage auf. Die dürften nicht ganz billig zu haben sein. Auch in Vilnius haben die Immobilienpreise angezogen. Auch am diesseitigen Ufer kommen wir an einer Großbaustelle vorbei, wo Apartmenthäuser entstehen sollen.

Hinter dem gotischen Ensemble erstreckt sich der Bernadinen-Garten. Die Ursprünge liegen im Klostergarten der Bernadinen der im Laufe der Jahrhunderte stetig erweitert wurde und heute eine grüne Oase am Rande der Altstadt bildet. Auch hier treffen wir wieder auf Brautpaare beim FotoTermin.

In der ehemaligen Dominikaner-Kirche, die wir als nächstes Ziel ansteuern, findet doch tatsächlich eine Trauung statt – offenkundig auf polnisch. Kein Wunder, denn es ist die Kirche der polnischen Gemeinde. Vor dem Gotteshaus wartet schon die nächste Hochzeitsgesellschaft. Was ist hier heute los? Unser Streifzug endet am „Tor der Morgenröte“, dem einzigen ehemaligen Stadttor, was nicht geschliffen wurde. Der Grund: Das Tor beherbergt ein Madonnenbildnis, was vor allem von polnischen Katholiken verehrt wird. Nahe des Tores finden wir ein Restaurant mit einem schattigen Freisitz, angrenzend an altes Gemäuer.


Zeit für ein Fazit: Eine Stadt mit entspannter Atmosphäre, nicht so getrieben wie Riga, aber auch nicht so kleinteilig wie Tallinn. Wer will, kann 80 Kirchen auf dem Stadtgebiet besuchen …

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